Der innere Kampf um das geistige Überleben - Teil 2: Der Kampf

In dieser dreiteiligen Artikelserie geht es um die Verwirklichung des übergeordneten Sinn des Lebens, der eigenen geistigen Entwicklung.
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Die Zeit läuft... abgerechnet wird am Ende des Lebens. Wer ein mehr geistiges (tugendhaftes) Leben führte, für den wird der Tod die Geburt in das geistige Leben sein, wer ein mehr materielles (untugendhaftes) Leben führte, der wird nach dem körperlichen Tod mit der Materie vergehen. (Bild: Steven Otto)

Im ersten Teil der Serie ging es um die Vernunftwerdung oder Charakterveredelung an und für sich. Wer den Artikel noch nicht gelesen hat, sollte das unbedingt hier nachholen, bevor er weiterliest. Hier nun geht es spezieller um den so wichtigen inneren Kampf für die Verunftwerdung.

Ob etwas vernünftig ist oder nicht, wird oft intuitiv aus dem Herzen heraus entschieden. Rational betrachtet ist Vernunft die mentale Fähigkeit durch Wissen Zusammenhänge zu erkennen bzw. herzustellen und mittels Logik daraus Prinzipien oder Betrachtungen abzuleiten und hinsichtlich praktischer Vernunft, natürlich auch danach zu handeln. Man kann Vernunft auch als wahrhaftiges Urteilsvermögen oder gesunden Menschenverstand bezeichnen. Vernunft ist die Synthese aller Einzelbestrebungen und die übergeordnete und unabdingbare Voraussetzung zur Erreichung des geistigen Lebensziels. Und den Rahmen für die Vernunft bilden die ewigen moralischen Gesetze oder Tugenden.

Starre Regeln allein sind mitunter aber wenig hilfreich. Alles sollte immer individuell und situationsbedingt vor allem im Lichte der Vernunft abgewogen werden. Drei kleine Beispiele zeigen, was ich damit meine: Es ist genauso unvernünftig in einem normalen Leben vollständig (im Sinne des Wortes, also absolut) selbstlos zu sein, wie auch, als Vegetarier zu verhungern, weil es mal angenommen nur Fleischnahrung gibt oder auch auf Gewalt zu verzichten, wenn man bspw. damit eine Kindesentführung verhindern kann. Selbstlosigkeit, Vegetarismus (besser aber Pescetarismus) und Gewaltlosigkeit sind ausgezeichnete Sachen, aber wie gesagt, immer situationsbedingt vernünftig bleiben und ich hoffe es ist klar geworden, was ich damit sagen möchte.

Die in der Natur erkennbare Vernunft, bspw. ihre Harmonie, ist ein Ausdruck des höchsten geistigen Prinzips, welches an und für sich absolute Vernunft ist und welches diese Natur belebt, entwickelt und leitet. Der Grad der menschlichen Vernunft ist deshalb immer auch ein Ausdruck der Geistigkeit der menschlichen Seele oder des Menschen.

Ein sehr materialistischer Mensch wird demnach sehr unvernünftig sein, denn die Materie ist dem Geist entgegengesetzt und somit zwangsläufig auch ihre Wirkungen. Da der Mensch sich jedoch seine eigenen Fehler, negativen Aspekte und seine Unvernunft nur sehr ungern eingesteht, was umso mehr natürlich für einen unvernünftigen Menschen zutrifft, folgt daraus, dass sich auch der unvernünftige Mensch meist nicht für unvernünftig hält, was die Einsicht zur Vernunftwerdung sehr erschwert. Denn wer seine Fehler nicht erkennt oder sie sich nicht eingesteht, der kann und wird sie natürlich auch nicht ausmerzen wollen.

Im Rahmen der Vernunftwerdung oder der Charakterveredelung geht es nun darum, die Herrschaft der Vernunft zu errichten und zu bewahren. Diese Verunft-Herrschaft muss sich soweit möglich über Körper, Sinne, Gedanken, Worte und Handlungen erstrecken. Und das ist nur durch den bereits angedeuteten langwierigen und schwierigen inneren Kampf möglich.

Hat man sich entschieden, eine unvernünftige Angewohnheit durch bewusste Unterlassung bzw. vernünftiger Ersatzhandlung zu bekämpfen, so kommt es relativ schnell nach der Umsetzung zu zahlreichen Gefühlen von tiefer Trauer, großer Unzufriedenheit und Unverständnis bezüglich der getroffenen Entscheidung. Da man weiterhin von der Unvernunft vereinnahmt ist, denn der Kampf hat gerade erst begonnen, fühlt man sich selbst traurig und unzufrieden mit seiner Entscheidung. Und da man nun mal nicht aus seiner Haut kann, beginnt das große Leiden. Dieses Leiden ist Karma, der Widerstand der unvernünftigen trägen Materie und zugleich das größte Hindernis auf dem Weg der Vernunftwerdung. Zudem kommt erschwerend hinzu, dass wir uns immer wieder selbst überwinden müssen, um Gutes zu tun, denn die tugendhafte Handlung bedarf fast immer einer inneren wie äußeren Überwindung, wohingegen der Weg in die Unvernunft stets ein sehr einfacher und schneller ist.

Wer es nun nicht schafft, den (anfangs sehr) häufigen Augenblicken des Leidens und des eigenen Widerwillens, den täuschenden und sehr verlockenden Bildern, Gefühlen und anderweitigen versuchenden Regungen zu widerstehen und es nicht schafft sich selbst zu überwinden, sich selbst zur Tugend und zum Durchhalten anzutreiben, zu sich selbst hart und unnachgiebig zu sein, über seinen eigenen Schatten zu springen, sich selbst zu beherrschen, sich selbst hinsichtlich dieses Leidens und der niederen unvernünftigen Bedürfnisse zu verleugnen und vor allem, wer es nicht schafft, diese Phase des Leidens auch zu ertragen, der kann diesen Kampf niemals gewinnen.

Die philosophische Aussage, das das Leben auf Erden nichts als Leiden bedeutet, ist keine hohle Phrase. Zumindest nicht für jene, die den höheren Sinn des Lebens erkannt haben und deshalb den Weg den Tugendhaftigkeit gehen. Besonders zu Beginn der Vernunftwerdung ist es enorm schwierig, diesen Weg aus der heute so verbreiteten Unverunft in dieser materialistischen Gesellschaft zu gehen. Aber umso weiter man auf dem Weg der Vernunftwerdung fortschreitet, umso einfacher wird dieser Kampf und umso mehr nimmt das Leiden und der Widerwillen bis zu einem gewissen Grad ab. Man erhebt sich immer mehr über die Unvernunft und man spürt deutlich, dass es gut ist. Denn es gibt nicht nur Gewissensbisse, sondern auch Gewissenfreude (in den theosophischen Lehren ist das Gewissen ein Kommunikationskanal des höheren Selbst in uns). Und der vernünftige Mensch würde niemals seine unvergängliche Glückseligkeit eintauschen wollen, gegen die vergänglichen und brutalen Freuden der Sinne.

Auch wenn das große Leiden relativ schnell nachlässt und die seelische Freude überhand gewinnt, eine ganz unvergleichliche Freude, so dauert dieser Kampf selbst jedoch mehr oder weniger das ganze Leben. Es werden deshalb immer wieder die alten unvernünftigen Gewohnheiten angreifen, neue werden sich versuchen unbemerkt einzuschleichen und immer wieder muss man sich selbst bezüglich seiner unvernünftigen niederen/körperlichen/sinnlichen/materiellen Bedürfnisse verleugnen, diese niedere Antriebe zurückweisen und sich zudem stets selbst zum Guten antreiben und überwinden. Während des ganzen Lebens bedarf also es der geistigen und körperlichen Anstrengung sich gegen die herabziehenden Unvernunfts- und Trägheits-Tendenzen der Materie zu behaupten und nach oben hin zum Geist, der Liebe und zum Leben zu streben.

Mit jeder erfolgreichen Selbstüberwindung für die Vernunft und mit jedem erfolgreich gegen die Unvernunft durchgesetzten „Nein!“ wird die menschliche Seele als geistiges Wesen stärker und stärker und erhebt sich ein wenig mehr aus dem Morast der niederen Materie und wächst seinem höheren, göttlichen Prinzip entgegen, so wie es der Lotus symbolisiert. Er wächst zielgerichtet aus dem Schlamm der Erde zuwider der Schwerkraft den langen Weg durch das Wasser an die Wasseroberfläche dem Licht entgegen und erst dort entfaltet er seine Blütenpracht, um sich alsdann am Anblick der Sonne zu erfreuen, die selbst wiederum mit größter Freude jene in ihre erlösenden Arme schließt, die geistig stark, sprich tugendhaft genug waren, um den fesselnden Wogen der großen (mayavischen oder materiellen) Täuschung zu entkommen.

Dieses Leben, so lehrt es die Theosophie, ist für uns (potenziell geistige Wesen) alle nur die Halle der Prüfungen, vor dem Eintritt in das wirkliche, sprich geistige Leben. Unser höheres Prinzip in uns, hat sich seine Unsterblichkeit bereits verdient, der Mensch aber, wie wir ihn wahrnehmen, muss sich diese erst verdienen, in dem er sich im "Feuer der individuellen Prüfungen" reinigt und den inneren Kampf ums geistige Überleben gewinnt. Er muss nicht, aber er kann. In diesem Sinne ist ein jeder seines eigenen Glückes Schmied.

Im dritten Teil dieser Serie geht es abschließend noch um ein paar Tipps für den Weg.

Verschlagwortung: 

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