Theosophie, was ist das?

Moderne Theosophie ist die Vereinigung von Religion, Philosophie und Wissenschaft zu einem ganzheiltichen und vernünftigen Weltbild auf Basis einer universellen Überlieferung.
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Theosophie war Weisheit durch alle Jahrhunderte unter vielen Namen und durch viele Lehrer vieler Glaubens- und Wissensgebiete. Und die theosophischen Lehren umgeben seit je her viele Geheimnisse.

Der Name Theosophie wird abgeleitet von Theos (Gott) und Sophia (Weisheit) und bedeutet in etwa göttliche Wahrheit oder jene Weisheit, die die Götter besitzen. Theosophie versteht sich aber nicht als Religion im herkömmlichen Sinne, sondern als die Synthese des vielen Religionen gemeinsamen inneren Kerns, der zugleich auch der kleinste gemeinsamer Nenner der überlieferten Menschheits-Geschichte ist. Alles in allem ein Wissens-System, welches neben zahlreichen religiösen auch durch alternative wissenschaftliche und bedeutende philosophische Ansätze bestätigt wird.

Theosophie ist zuallererst Pantheismus, d.h. der Glaube an den göttlichen, unpersönlichen, ewigen Geist als Urgrund aller Dinge, untrennbar in allen, selbst im kleinsten Teilchen und eins mit allen Dingen oder „Gott in der Natur und die Natur in Gott“, was auch auf den Menschen bezogen werden kann, d. h. "Gott (durch die Seele) im Menschen und der Mensch (als Teil der Natur) in Gott".

Der früheste nachweisbare Ursprung der Theosophie findet sich bei den alexandrinischen Philosophen, die als Freunde der Wahrheit oder Philaletheier bekannt waren und der Begriff selbst wird auf das 3. Jh. zurückgeführt, auf Ammonius Sakkas und seine Schüler, welche auch Analogetiker und später Neuplatoniker genannt wurden. Theosophie war Weisheit durch alle Jahrhunderte unter vielen Namen und durch viele Lehrer vieler Glaubens- und Wissensgebiete. Und die theosophischen Lehren umgeben seit je her viele Geheimnisse.

Die Theosophie betrachtet alle Menschen gleich welcher ethnischen Gruppe oder Religion sie angehören als Brüder und Schwestern im Geiste und in diesem Sinn als eine große Familie. Die prägenden Werte die sich aus den theosophischen Lehren ergeben sind vor allem: Selbstlosigkeit, Barmherzigkeit und Nächstenliebe, zugleich die Empfehlungen aller großen Weisen dieser Welt.

Soweit die Kurzfrom. Für jene die sich eingehender damit beschäftigen möchten hab ich folgend den Artikel "Was ist Theosophie?" von Helena Petrovna Blavatsky, der in der ersten Ausgabe des „Theosophist“ im Oktober 1879 erschien, aus dem englischen übersetzt. Die Anmerkungen in eckigen Klammern stammen vom Übersetzer.


Diese Frage wurde schon oft gestellt und da es diesbezüglich auch oft Missverständnisse gibt, wäre es wohl von der Redaktion einer Zeitschrift, die der weltweiten Theosophie gewidmet ist, sehr nachlässig, wenn sie in ihrer ersten Ausgabe diese Frage nicht zum vollsten Verständnis ihrer Leser beantworten würde. Dabei geht es um zwei Fragen: Was ist die Theosophische Gesellschaft und was sind Theosophen? Beide werden nun beantwortet.

Wenn es nach den Lexikographen geht, wird Theosophia abgeleitet von zwei zusammengesetzten griechischen Wörtern, theos „Gott“, und Sophos, „weise“. So weit so gut. Aber die Erklärungen, die darauf folgen, sind weit davon entfernt, eine klare Vorstellung von Theosophie zu geben. Webster definiert es als „ein Verkehr mit Gott oder geistigen Wesen und das erreichen von übermenschlichen Kräften mittels physischen Operation bspw. der Theurige einiger Platoniker, oder durch chemische Prozesse ähnlich denen der deutschen Feuer-Philosophen.“

Dies, um es höflich zu sagen, ist eine sehr schlechte Erklärung. Auf diese Art und Weise solche Ideen von Männern wie Ammonius Sakkas, Plotin, Jamblichus, Porphyr, Proklos zu definieren, zeugt entweder von einer vorsätzlichen Falschdarstellung oder Herr Webster ist in völliger Unkenntnis der Philosophie und der Motive der größten Genies der späteren alexandrinischen Schule. Um denen, die ihre Zeitgenossen und auch deren Nachwelt „theodidaktoi“ oder „gottgelehrt“ nannten, zu unterstellen, sie hätten ihre psychologischen und spirituellen Wahrnehmungen mittels „physische Prozesse“ entwickelt, ist gleichbedeutend damit, sie als Materialisten zu bezeichnen. Was die abschließenden Bemerkung hinsichtlich der Feuer-Philosophen betrifft, perlt es von ihnen ab, um den modernen Männern der Wissenschaft vor die Füße zu fallen; denjenigen, die sich wie bspw. Rev. James Martineau rühmen: „Materie ist alles, was wir wollen, geben sie uns nur Atome, und wir werden das Universum erklären.“

Vaughan bietet eine weit bessere und philosophischere Definition. „Ein Theosoph“, sagt er, „ist einer, der jemanden der kein geistiges Weltbild besitzt, eine Theorie von Gott oder dessen Werken gibt und das zur Inspiration bzw. Untermauerung seines eigenen Systems“. In dieser Hinsicht ist jeder große Denker, Philosoph und vor allem jeder Gründer einer neuen Religion oder Schule der Philosophie ein Theosoph. Und deshalb haben Theosophie und Theosophen auch existiert, seit dem ersten Schimmer solcher Fragen und Gedankens und der instinktiven Suche für den Ausdruck seiner eigenen und unabhängigen Meinungen zu diesen philosophischen Fragen.

Es gab Theosophen bereits weit vor der christlichen Ära, ungeachtet dessen, dass die christlichen Schriftsteller die Entwicklung des eklektischen theosophischen Systems in den ersten Teil des dritten Jahrhunderts unserer Ära setzen. Diogenes Laertius führt die Theosophie zu einer vorzeitlichen Epoche der Dynastie der Ptolemäer zurück, und den Namen des Begründers der Theosophie auf einen ägyptischen Hierophanten [höchster ägyptischer Priester im Sinne eines philosophischen Gelehrten] namens Pot-Amun, ein koptischer Name, der einen koptischen Priester Amun bezeichnet, der dem Gott der Weisheit geweiht ist.

Die Geschichte zeigt, das die Theosophie sehr viel später von Ammonius Sakkas [griechischer Philosoph im 3. Jh.] wiederbelebt wurde, der Begründer der neuplatonischen Schule. Er und seine Jünger nannten sich „Philaletheier“ oder Freunde der Wahrheit [von griechisch phil = lieben und aletheia = Wahtheit], während andere sie „Analogetiker“ nannten, aufgrund ihrer Methode der Interpretation alle heiligen Legenden, Mythen und symbolischen Geheimnisse durch die Regel der Analogie, d. h. bspw. das Ereignisse der äußeren Welt als ein Ausdruck der menschlichen Seele angesehen wurden. Es war Ziel und Zweck von Ammonius, alle Denkrichtungen, Völker und Nationen unter einem gemeinsamen Glauben zu versöhnen – der Glaube an einen höchste, ewige, unbekannte Kraft, welche das Universum nach unveränderlichen und ewigen Gesetzen regiert. Er wollte demnach eine einfaches System der Theosophie beweisen, welches am Anfang gleichermaßen in allen Ländern gegenwärtig war, um alle Menschen dazu zu bewegen, ihre Streitigkeiten beiseite zu legen und sie mit der Ansicht zu vereinigen, dass sie alle Kinder von einer gemeinsamen Mutter sind; die alten Religionen von allen Schlacken der menschlichen Elemente zu reinigen und sie so durch reine philosophische Prinzipien zu versöhnen.

Folglich wurde das buddhistische, vedische und magische oder zoroastrische System in der eklektischen theosophischen Schule zusammen mit all den Philosophien Griechenlands gelehrt. Daher auch die hervorragenden buddhistischen und indischen Elemente der antiken Theosophen Alexandrias, die gebührende Ehrfurcht für die Eltern bzw. älteren Personen, ein brüderlichen Zuneigung für das ganze Menschengeschlecht und ein Mitgefühl, selbst den Tieren gegenüber. Er versuchte ein System der moralischen Disziplin durchzusetzen, welches in den Menschen das Pflichtgefühl etabliert, in Übereinstimmung mit den Gesetzen der jeweiligen Länder zu leben, um ihren Geist durch Forschung und Kontemplation hinsichtlich der einen absoluten Wahrheit zu erhöhen; seine Hauptaufgabe, wie er glaubte, um das erreichen zu können, war es, aus den verschiedenen religiösen Lehren [diese alle Systeme verbindende Wahrheit] zu extrahieren, um wie bei einem Instrument die harmonische Melodie zu finden, die eine Resonanz in jedem wahrheitsliebenden Herzen findet.

Theosophie ist also die archaische [oder ursprüngliche] Weisheitsreligion, eine esoterische Lehre die in allen alten Ländern bekannt war, die Ansprüche auf eine ursprüngliche Zivilisation erheben. Und diese „Weisheit“ aller alten Schriften zeigt uns als eine Emanation eines göttlichen Prinzips, und das ist das klare Verständnis dessen, was im indischen Buddh, der babylonischen Nebo oder im Thoth von Memphis repräsentiert wird, der Hermes von Griechenland und auch durch die Benennungen von einigen Göttinnen – Metis, Neitha , Athene, die gnostische Sophia und schließlich die Veden, vom Wort „zu wissen“.

Unter dieser Bezeichnung schlossen alle alten Philosophen aus Ost und West, die Hierophanten des alten Ägypten, die Rishis Aryavart, die Theodidaktoi von Griechenland alles Wissen der okkulten [verborgenen] oder göttlichen Dinge ein. Die Mercavah der hebräischen Rabbiner, wurde als eine weltliche [oder exoterischen] Schrift und nur als das Vehikel oder die äußere Schale klassifiziert, die eine höhere esoterische [oder geheime] Lehre enthält. Die Heiligen drei Könige von Zoroaster erhielten Unterricht und wurden in den Höhlen und Geheimlogen von Baktrien initiiert, die ägyptischen und griechischen Hierophanten hatten ihre „apporrheta“ oder geheimen Diskurse, während die der Mysta [Schüler der Mysterien?] ein Epopt oder ein Seher wurde.

Die zentrale Idee der eklektischen Theosophie war die einer einfachen [ursprünglichen] „Supreme Essence“, unbekannt und unkennbar – aber – „Wie können die Wissenden das wissen?“, um mit der Brihadaranyaka Upanishad zu fragen. Ihr System wurde von drei verschiedenen Merkmalen gekennzeichnet: die Theorie von der oben genannten Essenz, die Lehre von der menschlichen Seele als eine Emanation aus dieser Essenz, d. h. der gleichen Art und ihre Theurgie. Und die Theurgie ist die Wissenschaft, die die Neuplatoniker dahin geführt hat, dass sie in unserer Zeit der materialistischen Wissenschaft so falsch dargestellt werden.

Theurgie ist im wesentlichen die Kunst der Anwendung der göttlichen Kräfte des Menschen [heute allg. verstanden als Praktiken, um mit geistigen oder göttlichen Wesen in Verbindung zu treten] zur Unterordnung der blinden Kräfte der Natur und deren erste Verehrer wurden als Magier bezeichnet – eine Verfälschung des Wortes „Magh“, was einen weisen oder gelehrten Mann bezeichnet – und verhöhnt. Die Skeptiker des letzten Jahrhunderts hätten sicher auch über die Idee eines Plattenspielers oder Telegraphen gelacht. Die lächerlich Gemachten und die „Ungläubigen“ einer Generation, werden in der Regel die Weisen und Heiligen der darauf folgenden Generationen.

In Bezug zu den göttlichen Wesen und die Natur der Seele und des Geistes glaubt die moderne Theosophie auch das, was die alte Theosophie glaubte. Die beliebte „Diu“ der arischen [indogermanisch im Kontext der Sprachforschung, zoroastrisch im religionsphilosophischen Kontext] Nationen war identisch mit dem „Iao“ der Chaldäer, mit dem Jupiter der weniger gelehrten und weniger philosophischen Römern und dies war sogar identisch mit dem Jahve der Samariter, dem Tiu oder „Tiusco“ der Nordmänner , die „Duw“ der Britten und dem Zeus der Thraker. Was nun die absolute Essenz, das „Ein und Alles“ betrifft – ob wir nun die griechische pythagoreische, die chaldäisch-kabbalistische oder die arische Philosophie betrachten – es wird zu ein und demselben Ergebnis führen. Die früheste Monade des pythagoreischen Systems, die sich in die Dunkelheit zurückzieht und selbst Finsternis ist (zumindest für den menschliche Intellekt) wurde zur Grundlage aller Dinge gemacht, und wir können die Idee vollständig in den philosophischen Systemen von Leibniz und Spinoza finden. Deshalb, ob ein Theosoph mit der Kabbala übereinstimmt, welche von En-Soph [En Sof, Ain Soph etc., das Unendliche und Unerfassbare der kabbalistischen Mystik] spricht und die Frage stellt: „Wer kann denn das verstehen, was formlos und nicht-existent ist?“ oder er sich an die großartige Hymne aus dem Rig-Veda (Hymn 129., 10. Buch) erinnert, in welcher gefragt wird:

„Wer weiß, woher diese große Schöpfung entsprang? Ob sein Wille schafft oder stumm ist. Er [Es] weiß es – oder vielleicht weiß er es nicht“;

oder weiter, er die Vedanta-Vorstellung von Brahma akzeptiert, die in den Upanishaden als „ohne Leben, ohne Geist, rein“ unbewusst, für – Brahma „absolutes Bewusstsein“ dargestellt wird oder schließlich mit den Svabhâvikas von Nepaul [buddhistische Schule] behauptet, dass nichts existiert außer „Svabhavat“ (Substanz oder Natur), die selbstexistent ist ohne einen Schöpfer, eine jede der oben genannten Vorstellungen führt zur reinen und absoluten Theosophie – die Theosophie, die Männer wie Hegel, Fichte und Spinoza aufgefordert hat zur Wiederaufnahme der Arbeit der alten griechischen Philosophen und zur Spekulation auf die eine Substanz – die Gottheit, das göttliche All sich entwickelnd von der göttlichen oder absoluten Weisheit – unverständlich, unbekannt und unbenannt – von allen alten und neuen religiösen Philosophien, mit der Ausnahme von Christentum und Islam.

Angelehnt an die Eingangs genannte Definition der Theosophie von Vaughan, kann jeder Theosoph die Theorie einer [abstrakten oder pantheistischen] Gottheit „die sich selbst nicht offenbart, aber eine Inspiration als Grundlage liefert“ akzeptieren, gleich welcher der eben genannten Religionen er angehört und würde sich dennoch innerhalb der Grenzen der Theosophie bewegen. Für letztere ist der Glaube an die Gottheit als das All, die Quelle allen Seins, aber das Unendliche kann weder verstanden noch erkannt werden, das Universum allein enthüllt es, oder, wie einige andere bevorzugen, er, wodurch sie ein Geschlecht zuordnen, um es zu vermenschlichen, was nichts anderes als Blasphemie ist.

Richtig, im Lichte des brutalen Materialismus schrumpft Theosophie; sie zieht es vor lieber daran zu glauben, dass in Ewigkeit in sich selbst zurückgezogen der Geist der Gottheit weder will noch schafft; sondern daß überall aus dem großen Zentrum ein unendlich heller Glanz hervorgeht, welcher alle sichtbaren und unsichtbaren Dinge entwickelt, dies aber ist eine Strahl, der in sich eine „generative and conceptive“ [schöpferische, intelligente, planende oder vorhersehende] Kraft enthält, die ihrerseits das entwickelt, was die Griechen Makrokosmos genannt haben, die Kabbalisten Tikkun oder Adam Kadmon, der archetypische Mensch und die Arier Purusha, das manifestierte Brahm oder der göttliche [himmlische] Mensch.

Theosophie glaubt auch in die „Wiederauferstehung“ oder den Fortbestand und die Transmigration (Evolution) einer Reihe aufeinanderfolgender Veränderungen der Seele [1], die verteidigt und erklärt werden können mit strikten philosophischen Prinzipien, bspw. durch eine Unterscheidung zwischen paramatma (transzenentale, höchste Seele) und jivatma (Tier, oder bewusste Seele) der Vedantins.

[1] In einer Reihe von Artikeln mit dem Titel „Die Welt der großen Theosophen“ wollen zeigen, dass von Pythagoras, der seine Weisheit aus in Indien bekam, bis in unsere bekanntesten modernen Philosophen und Theosophen – David Hume und Shelley, den englischen Dichter – die Spiritisten von Frankreich inbegriffen – viele glaubten und auch noch an die Seelenwanderung oder Wiedergeburt der Seele glauben, jedoch muss das System der Spiritisten als ziemlich unausgearbeitet angesehen werden.

Um Theosophie vollständig zu definieren müssen wir sie unter all ihren Aspekten betrachten. Die Innenwelt wurde nicht vollständig von undurchdringlicher Dunkelheit verborgen. Mit der höheren Intuition der Theosophia – oder Gotterkenntnis, welche den Geist aus der wahrnehmbaren Welt in die des formlosen Geistes begleitet, wurde es Menschen manchmal zu jeder Zeit und in jedem Land möglich, die Dinge in der Innen- oder unsichtbaren Welt wahrzunehmen. Daher ist das „Samadhi“ oder Dyan Yog Samadhi der Hindu- Asketen, die „Daimonion-Photi“ oder spirituelle Erleuchtung der Neuplatoniker, die „siderische [höhere] Unterredung mit der Seele“ der Rosenkreuzer oder Feuer-Philosophen und selbst die ekstatische Trance der Mystiker und des modernen Mesmeristen und Spiritisten ihrer Natur nach identisch, wenn auch verschieden in ihrer Manifestation. Die Suche nach dem göttlichen „Selbst“ des Menschen, die so oft und fälschlicherweise als ein Einzelgespräch mit einem persönlichen Gott [bspw. im Sinne kirchlichen Gottesbegriffs] interpretiert wurde, war das Ziel eines jeden Mystikers und der Glaube an diese Möglichkeit scheint von gleicher Dauer zu sein, wie die Entwicklung der Menschen, nur nannte es ein jedes Volk andres. Platon und Plotin nannten es „Noetic Work“ [geistige Arbeit] was der Yogi und der Shrotriya „Vidya“ [Wahrheit oder wahrhaftiges Wissen] nannten.

„Durch Reflexion, Selbsterkenntnis und intellektuelle Disziplin, kann die Seele zu einer Vision des ewigen erhoben werden, zur Wahrheit, Güte und Schönheit – das ist die Vision von Gott, das ist die Epopteia“ [geistiges Schauen des Höheren], sagten die Griechen. „Um die Seele mit der All-Seele zu vereinen“, sagt Porphyr [Porphyrios, Neuplatoniker im 3. Jh.], „erfordert es aber einen vollkommen reinen Geist. Durch Selbstvertiefung [Kontemplation], vollkommene Keuschheit und Reinheit des Körpers kommen wir dem näher und empfangen in diesem Zustand wahres Wissen und wunderbare Einblicke.“ Und Swami Dayananda Saraswati [Hindu-Asket im 19. Jh. bekannt geworden durch die Arya Samaj Reforbewegung in Indien], der weder Porphyr gelesen hat noch andere griechische Autoren, der aber eine ausgezeichneter vedischer Gelehrte ist, sagt in seinem Veda Bhashya (opasna prakaru ank 9.) – „Um Diksh (höchste Initiation) und Yog zu erreichen, muss man nach den Regeln leben... Die Seele im menschlichen Körper kann die größten Wunder vollbringen durch die Kenntnis des universellen Geistes (oder Gott) und macht sich selbst vertraut mit die Eigenschaften und Qualitäten (okkulter [geistiger oder verborgener]) Dinge des Universum. Ein Mensch (ein Dikshit oder Initiierter) kann sich so bspw. die Fähigkeit erwerben, auf große Entfernungen zu hören und zu sehen.“

Schließlich, Alfred R. Wallace, FRS, Spiritist und doch ein eingestandenermaßen großer Naturforscher sagt mit mutiger Offenheit: „Es ist einzig der Geist, der fühlt und wahrnimmt und denkt – der Kenntnis erlangt, Gründe angibt und nach Zielen strebt... es ist nicht selten das Individuen geboren werden, die so beschaffen sind, dass der Geist unabhängig von den körperlichen Sinnesorganen wahrnehmen kann oder vielleicht, ganz oder teilweise, seinen Körper für eine gewisse Zeit verlassen und wieder zurückkehren kann... der Geist... kommuniziert mit dem Geist sehr viel einfacher als mit der Materie.“

Wir können nun sehen, wie in den Tausenden von Jahren zwischen den Gymnosophisten [2] und unsere eigenen hochzivilisierten Zeit, trotz oder vielleicht gerade wegen der Theosophen einer große Aufklärung stattfindet, welche Licht in die Psychologie [Wissenschaft der Seele] bringt sowie auch in die physikalischen Möglichkeiten der Natur und auch heute über zwanzig Millionen Menschen [Bezugnahme zum damaligen Spiritismus] in einer anderen Form an die gleichen spirituellen Kräfte glauben, an die auch die Yogis und die Pythagoräer schon vor fast 3.000 Jahren glaubten.

[2] Die Realität der Yog-Leistungen wurde von vielen griechischen und römischen Autoren bestätigt, von Strabo, Lucan, Plutarch, Cicero (Tusculum), Plinius (VII, 2) usw., die die indischen Yogis Gymnosophisten [von damals Gymnasium = Ort der sportlichen Betätigung zumeist Ringen und Sophisten = Menschen mit besonderen Kenntnissen] nannten.

Während also der arische Mystiker für sich die Lösung aller Probleme des Lebens und des Todes beansprucht, durch Atman - „Selbst“ oder „Seele“, wenn er einmal die Macht der unabhängig von seinem Körper erhalten hat; und die alten Griechen auf die Suche gingen nach dem verborgenen ATMU – ein oder der Gott – die Seele des Menschen, mit dem symbolischen Spiegel der „Thesmophorian mysteries“ [vergleichbar mit den Eleusinischen Mysterien], die so – wie heutige Spiritualisten glauben [hier Spiritisten] – in der Fähigkeiten sichtbar und fühlbar mit den körperlosen Seelen der Personen zu kommunizieren, die sie auf der Erden liebten. [Zu dieser Zeit durfte H.P. Blavatsky noch nicht die (ablehnende) Sichtweise der Theosophie bzgl. des Spiritismus offenbaren, vor allem seiner praktischen Seite, der Nekromantie.]

Und alle diese, ob nun die arischen Yogis, die griechischen Philosophen oder moderne Spiritisten bestätigen begründet die grundsätzliche Möglichkeit, dass die verkörperte Seele und ihr niemals verkörperter Geist – das wahre Selbst weder von der All-Seele noch anderen Seelen räumlich getrennt ist, sondern lediglich durch die Differenzierung oder Unterschiede ihrer Qualitäten; sowie es auch in der grenzenlosen Weite des Universums keine Einschränkung gibt. Und dass, wenn dieser Unterschied entfernt wird – nach den Griechen und Ariern durch abstrakte Kontemplation, welche die vorübergehende Befreiung der gefangenen Seele ermöglicht, und nach den Spiritisten mittels Medialität [was nach den späteren theosophischen Lehren hinsichtlich des modernen Spiritismus (oder heute Channeling) nicht der Fall ist, zumindest nicht hinsichtlich höhere Wesen] – eine solche Vereinigung zwischen verkörperten und körperlosen geistigen Wesen möglich ist.

So kam es, dass Patanjali [indischer Gelehrter und der Verfasser des Yogasutra, des klassischen Leitfadens des Yoga um das 3. Jh.] und Yogis und ihren Schritten folgend auch Gelehrte wie Plotin, Porphyr und andere Neuplatoniker behaupteten, dass sie einige male in ihrem Leben während Momenten der Ekstase eins geworden sind mit Gott. Diese Idee, offensichtlich fehlerhaft in der Anwendung auf einen universellen Geist, wurde durch zu viele große Philosophen behauptet, um sie einfach als eine Chimäre abzutun. Im Falle der Theodidaktoi, der einzige streitbare Punkt und dunkle Fleck auf dieser Philosophie der Mystik, war dieser anmaßende Anspruch auf das, was in Wirklichkeit nur als eine Art ekstatische Erleuchtung zu verstehen ist, als Krone der sinnlichen Wahrnehmung.

Im Fall der Yogis, die eine Fähigkeit behaupteten, Iswara von „Angesicht zu Angesicht“ gegenüber zu treten, wurde dieser Anspruch erfolgreich von der Logik Kapilas gestürzt. [Kapila: Einer der Gründer Samkhya Schule, einer der ältesten und richtungsweisensten philosophischen Systeme bzw. Strömungen im Hinduismus, der u. a. als ein Enkel des Brahma beschrieben wird.] Ähnliche Annahmen wie die griechischen Anhänger haben auch eine lange Reihe von christlichen Ekstatikern gemacht und schließlich die bisher letzten zwei Anwärter darauf „Gott gesehen“ zu haben in den letzten hundert Jahren, welche Jacob Böhme und Swedenborg waren. Die Anmaßung sollte und könnte philosophisch und logisch in Frage gestellt werden, wenn ein paar von unseren großen Männer der Wissenschaft, die Spiritisten sind, mehr Interesse an der Philosophie hätten, als im bloßen Phänomenalismus des Spiritismus.

Die alexandrinische Theosophen wurden in Neophyten [Schüler], Initiierte und Meister oder Hierophanten unterteilt, und ihre Regeln wurden von den alten Mysterien des Orpheus übernommen, der, nach Herodot, sie aus Indien übernahm. Ammonius verpflichtete seine Jünger auf Eid nicht seine höhere Lehren preiszugeben, außer für diejenigen, die gründlich ihre Wüdigkeit nachgewiesen hatten und initiiert waren und die somit gelernt hatten, die Götter Engel und Dämonen anderer Völker, nach ihrer esoterischen oder verbogenen Bedeutung zu betrachten.

„Die Götter existieren, aber sie sind nicht das, was der Pöbel der ungebildeten Menge annimmt, was sie wären“, sagte Epikur. „Er ist kein Atheist, der die Existenz der Götter die viele anbeten leugnet, aber er ist wie einer, der an diesen Götter die Bewertungen das Volkes befestigt.“ Hinwiederum erklärte Aristoteles weiter, dass die „göttliche Essenz die ganze Welt der Natur durchdringende, sodass die Götter einfach eine Bezeichnung der ersten Prinzipien sind.“ Plotin, der Schüler des „gottgelehrten“ Ammonius sagt uns , dass das Geheimnis der Gnosis oder das Wissen der Theosophie drei Grade hat: Ansicht, Wissenschaft und Erleuchtung. Die Mittel oder das Instrument des ersten sind die Sinne oder Wahrnehmung, des zweiten die Dialektik und des dritten die Intuition. Hinsichtlich des Letzteren ist der Verstand untergeordnet, denn es ist absolutes Wissen basierend auf der Identifikation des Geistes mit dem Objekt.“

Theosophie ist die exakte Wissenschaft der Psychologie, um es so zu sagen, und sie steht in Bezug zur natürlichen Medialität, wie das Wissen eines John Tyndall [sehr bekannter irischer Physiker des 19. Jh.] zu dem eines Schuljungen in Physik. Es entwickelt sich im Menschen eine direkte Anschauung, das, was Schelling [Friedrich Wilhelm von Schelling, deutscher Philosoph und einer der Hauptvertreter des Deutschen Idealismus im 19. Jh.] als „eine Realisierung der Identität von Subjekt und Objekt im Individuum“ benennt, sodass unter diesem Einfluss derjenige Anteil an göttlichen Gedanken und Wissen hat, d. h. die Dinge zu sehen wie sie wirklich sind und schließlich „Teilhaftig an der Seele der Welt wird“, um einem der schönsten Ausdrucksformen von Emerson zu verwenden [sehr wahrscheinlich Ralph Waldo Emerson, US-amerikanischer Philosoph und Schriftsteller im 19. Jh.].

„Ich, das Unvollkommene, verehre meine eigene Vollkommenheit", sagte er in seinem großartigen Essay über die Oberseele. Neben der Psychologie und Erkenntnis der Seele, kultivierte Theosophie jeden Zweig der Wissenschaften und Künste. Es war durch und durch auch mit dem bekannt, was heute allgemein als Mesmerismus bezeichnet wird. Praktische Theurgie oder „zeremonielle Magie“, welche so oft in ihren Beschwörungen von der römisch-katholischen Klerus aufgegriffen wird, wurde jedoch von den Theosophen verworfen. Nur allein Jamblichus der hier sehr viel weiter als andere Eklektiker ging, hat der Theosophie die Lehre der Theurgie hinzugefügt.

Wenn der Mensch die wahre Bedeutung der esoterischen göttlichen Symbole der Natur ignoriert, ist er geneigt, sich bezüglich der Kräfte seiner Seele zu verrechnen, und anstatt dass der geistige Zwiesprache hält mit geistigen oder höheren himmlischen Wesen, die guten Geister (die Götter der Theurgen der platonischen Schule), wird er vielmehr unbewusst die bösen, dunklen Mächte hervorrufen, die unter der Menschheit lauern – untote, grimmige Schöpfungen des menschlichen Verbrechen und Lasters – und damit fallen sie von der Theurgia (weiße Magie) in die Goetia (oder schwarze Magie, Zauberei).

Doch weder weiße noch schwarze Magie sind in Wirklichkeit das, was der Volksaberglauben darunter versteht. Die Möglichkeit der „Erhebung der Geister“ nach dem Schlüssel Salomos [ein schwarzmagisches Zauberbuch], ist die Spitze des Aberglauben und der Unwissenheit. Die Reinheit der Tat en und Gedanken allein können uns erheben zu einem Kontakt „mit den Göttern“, um so das Ziel zu erreichen, welches wir begehren. Auch die Alchemie, an die so viele spirituelle Philosophen und Naturwissenschaftler geglaubt haben, gehörten zu den Lehren der theosophischen Schule.

Es ist eine nachprüfbare Tatsache, dass weder Zarathustra, Buddha, Orpheus, Pythagoras, Konfuzius, Sokrates, noch Ammonius Sakkas irgendetwas selbst niedergeschrieben haben. Der Grund dafür ist offensichtlich. Theosophie ist eine zweischneidige Waffe und ungeeignet für die Ignoranten oder Egoisten.

Wie jede antike Philosophie hat sie ihre Verehrer in der Moderne, aber bis in unseren Tagen waren ihre Jünger nur wenige an der Zahl und von ganz verschiedenen Denkrichtungen. „Völlig spekulativ und Gründung einer Schule haben sie dennoch einen stillen Einfluss auf Philosophie ausgeübt, und ohne Zweifel, wenn die Zeit kommt, können viele dieser so leise vorgetragen Ideen dem menschliche Denken noch eine ganz neue Richtungen geben“ bemerkt Mr. Kenneth R. H. Mackenzie... selbst ein Mystiker und Theosoph, in seiner großen und wertvollen Arbeit, „The Royal Masonic Cycloepædia“.

Seit den Tagen der Feuer-Philosophen haben sie keine Gesellschaften mehr gebildet, um nicht vom christlichen Klerus wie wilde Tiere verfolgt zu werden, denn als Theosoph bekannt zu sein, war noch kaum vor einem Jahrhundert ein sicheres Todesurteil. Die Statistiken zeigen, dass in einem Zeitraum von 150 Jahren, nicht weniger als 90.000 Männer und Frauen in Europa wegen angeblicher Hexerei verbrannt wurden [nach aktuellen Zahlen an die 60.000]. In Großbritannien wurden nur in den Jahren von 1640 bis 1660 an die 3.000 Personen getötet, weil sie sich mit dem „Teufel“ eingelassen haben. [die Bevölkerungszahl entsprach damals aber nur einem Burchteil der heutigen.]

Es war in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts – 1875 –, dass einige fortgeschrittenere Mystiker und Spiritisten, mit den Theorien und Erklärungen des Spiritismus nicht zufrieden waren und bemerkten, dass sie weit davon entfernt waren, den Boden der Vielzahl von Phänomenen erorscht zu haben und also in New York einen Zusammenschluss bildeten, der nun allgemein als Theosophische Gesellschaft bekannt ist. Und nun, da erklärt wurde was Theosophie ist, werden wir in einem separaten Artikel die zweite Eingangs gestellte Frage zu diesem Themenkreis beantworten, was die Natur dieser Gesellschaft ist, die auch als die „universelle Bruderschaft der Menschheit.“ verstanden werden kann.



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